Unser Kind (mein Bruder) ist schon 7 Tage nicht zu Hause. Geschäftlich unterwegs. Ich habe begonnen, ihn ab dem zweiten Tag zu vermissen. Die Wohnung wurde plötzlich so leer. "Die Kinder sind weg" heißt es bei uns. Kein Lärm, es wird wenig warm gekocht, keine telefonische Anrufe (es stellt sich sofort heraus, wer die meistgefragte Person unserer Familie ist). Ich trage jetzt sogar seinen Schal, um mit ihm olfaktorisch näher zu werden. Wer mich kennt, weiß es: dies ist meine lauteste Liebeserklärung.
Mir fällt an einem einsamen Abend ein: Wie es ihnen ohne meine Bescheidenheit die ganzen Jahren ging? Skype und erforderliche 9 Tage im Jahr sind ein Beziehungsquatsch.
Der Entschluss ist da. Meine beide (nicht geborene) Söhne werden da studieren, wo ich leben werde. Die Jungs werden da arbeiten, wohin ich in 30 Min. mit Auto fahren kann. Und basta.
Endlich habe ich einen präzisen materiellen Wunsch. Ich möchte mir einen Sonnenschirm aus Japan. Den werde ich ab März täglich mit sich nehmen und mein weißes Gesicht schützen, aha!
In diesem Monat an einem dieser eisigen Tagen feiern wir viermonatigen Geburtstag. Mein Kummer und ich. Der ist eigenartig. Ich weiß nicht, wann er den Gang genommen hat, aber den Tag, an dem ich ihn identifiziert habe, spiele ich im Kopf immer und immer durch. Es war sonnig. Na ja, nicht wirklich "eigenartig" für Astana. Ich trug meine weiße Pulli, fuhr im weißen Auto, wir hielten am Ampel in der Pushkin Straße an. Da, in dem Moment wusste ich schon, dass es mir bald nicht so leicht sein wird.
Der ist fies. Er kommt nicht an regnerischen und nassen Tagen, nicht an den einsamen Tagen in einem russischen Dorf, wofür sogar Google Maps keine anständige Auskünfte geben kann, nicht wenn man alte Fotos durchklickt und vor Melancholie totschweigen soll, nicht wenn man 38-Fieber hat, nicht wenn alles einfach blöd ist. Nein, er ist wählerisch. Er kommt in den Pausen der faszinierenden Gesprächen, in fröhlicher Ambiente in einer lauwarmen Herbstnacht, vor dem Spiegel in der WC des Restaurants, wo wir Geburtstage bester Freunden feiern, in der Parfümerie, wenn ich tausend Schminke rieche und auf der inneren Seite des Handes teste und nicht sofort kaufe, sondern wenn ich auf dem Heimweg tausend Mal überlege und sofort bestelle, als der Rechner zu Hause hochfährt und ich alles mögliche bestätige (Ja, mein Warenkorb ist voll!) und noch 10 Min. zufrieden grinse und vorfreudig Bilder vom Wunschprodukt angucke. Da taucht er auf.
Was ist er? Er ist so klassisch weiblich "Keine Ahnung": ich weiß nicht, was mich besorgt, worum ich trauere, ob der Kummer einen menschlichen Namen trägt, welche Schmerzen er mitbringt. Null Idee, wie lange er dauern wird. Symptome sind sehr vage. Alles, was mir bekannt ist: ich habe den.
Auch gestern. Der Tag, den Bürger Tunesiens wahrscheinlich als traumhaft bezeichnen könnten: idyllisch, harmonisch, still. Ich war umringt von den besten Eltern. Zu Mittag gab es leckerste Kürbis, gefüllt mit zartem Hackfleisch. Der Bruder schickt eine Sms: Soll ich diese oder jene Gesichtscreme kaufen? Ich erledige fast alles aus der To-do-Liste. Als Tageskrönung höre ich die Stimme von der PhD (pretty-honey-darling) Maria. Mama erzählt über ihre lustigen Tagesimpressionen. Und ich habe ihn, den unbekannten Kummer. (Marie, ich hab mein Bestes gegeben, um ihn zu verstecken)
Im Bett sehe ich wild alle YouTube-Clips, die mit Suchwort "kummervoll" gefunden werden können. Am Ende finde ich was. Glückwunsch: Ich habe einen offiziellen Kummersong.
Sie waren zu dritt. Ein Original und zwei Klons. Der Vater und zwei Söhne, jeder so 25 Jahre alt, schätzungsweise. Wir standen an einem frühen Morgen in Frankfurter Flughafen. Ich war in der linken Schlange, sie waren in der rechten. Der erste Klon war dran zur Passkontrolle und ist dann ziemlich zügig die BRD-Grenze übergegangen. Dann ging der Vater zur deutschsprachigen Grenzkotrollefrau. Der Vater konnte ein wenig Englisch, aber es geling ihm nicht die Gründe der Reise zu nennen. Der zweite Klon kam zur Hilfe. In der Zeit wurde ich schon aufgerufen. Nun stand ich sehr nah zur Theaterinszenierung „Kazakhstani on the way to explore the world“. Mein Pass, der im uralten 2002 erstellt wurde und dank dessen Bild ich ständig gemobbt werde (15 Jahre alt, Pony und strahlende junge Haut ohne Zusatzmittel, die nun monatlich meine Geldbörse verdünnen lassen) weckt stets Interesse und beschäftigt auch diesmal den Kontrolleur einige Zeit. Mein Blick war noch bei der Familie. Die Zollangestellte habe angeblich gefragt, wie viel Bargeld sie mit sich nehmen. Vielleicht gäbe es Probleme mit Visum oder so, die Gesichter aller Beteiligten waren schon rot vor Aufregung. Eine Weile später fing der Mann an, das Geld aus seiner Aktentasche zu holen. Da gab es buchstäblich wie im Kino viel Geld. So viel Cash sah ich nie. Die ganze Situation dauerte und das Publikum in der Schlange begann, sie zu kommentieren. Geld brachte zusätzlich Unruhe. Als ich die Arena verließ, konnte ich noch Stimmen hören: „Ach, diese kasachische Mafia, lässt die Leute warten“. Kasaschische Mafia – hört sich gut an. Ich war buchstäblich stolz.